“Zu sagen, jemand hat eine Borderline-Störung ist eine der leichtesten Übungen in der Psychiatrie.”
“Man kann mich nicht beschreiben, man muss mich erleben.”



Borderline-Patienten sind Menschen, bei denen das zwischenmenschliche Verhalten, die Stimmungen und das Selbstbild durch ausgeprägte Instabilität gekennzeichnet sind. Das eigene Selbstbild und oft auch Zielvorstellungen sind unklar und gestört. Ihre Neigung zu intensiven, aber unbeständigen zwischenmenschlichen Beziehungen kann wiederholten emotionalen Krisen mit Suiziddrohungen/-versuchen oder selbstschädigenden Handlungen führen. Das Selbsterleben der Betroffenen ist gekennzeichnet von starker Kontaktbedürftigkeit bei gleichzeitig vorhandener grosser Angst vor Nähe. Borderliner provozieren oft das, was sie eigentlich am meisten fürchten – verlassen zu werden. Die Betroffenen leiden unter häufigen Stimmungsschwankungen, von einer normalen bis hin zu einer dysphorischen (= ängstlich, bedrückenden) Stimmung, verbunden mit inadäquaten, heftigem Zorn und neigen dazu, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren. Borderline-Patienten leben in der Haltung, die “Umwelt ist böse und enttäuschend”. Sie neigen schnell zu “Alles-Oder-Nichts-Lösungen” und überspielen viele ihrer Befindlichkeiten. Sie sind äußerst mißtrauisch, beobachten ganz genau und spalten ihr Umfeld. Sehr häufig lassen sich neben den eigentlichen Kriterien der Borderline-Störung noch dissoziative Störungen, Bewegungsstörungen oder dissoziative Amnesien finden.

ODER:

“In Wahrheit ist die Diagnose Borderline trotz aller wackeren Versuche zur Definition und dynamischen Beschreibung zu einer Omnibus- und Papierkorb-Kategorie geworden, in die alles Schwierige und Widerwärtige geworfen und mit deren Hilfe das eigene Versagen, die eigenen Gegenübertragungsprobleme erklärt, das heisst sehr oft wegerklärt werden können, etwa im Sinne von Robert Michels trefflicher Formulierung: Borderline hieß ein Patient, der zunächst analysierbar schien, es aber dann nicht war.” (ABEND/PORDER/WILLICK, 1994, S. 12)


Kriterien



1. Das verzweifelte Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.

Für die Betroffenen steht die ständige Furcht vor einem Beziehungsabbruch im Vordergrund. Trotzdem inszenieren sie immer genau das, was sie eigentlich befürchten – nämlich abgelehnt und ausgestossen zu werden. Wenn sie allein sind, verlieren sie häufig aufgrund ihrer gestörten Ich-Identität das Gefühl für die Realität ihrer Existenz. Erschwerend kommt hinzu, dass sie oft auch vorübergehendes Alleinsein als dauerhafte Isolation wahrnehmen. Sie neigen dazu zu glauben, dass sie böse sind und deshalb verlassen wurden.

2. Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch den Wechselzwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist. Identitätsstörung als ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

Menschen mit einer Borderline-Störung führen oft unangemessen intensive und unbeständige Beziehungen zu anderen Menschen. Nach dem DSM-IV fordern sie “viel gemeinsame Zeit ein und teilen sich bereits am Anfang einer Beziehung in intimen Einzelheiten mit”. Der Partner wird von ihnen extrem unterschiedlich eingeschätzt. Diese Einschätzung schwankt zwischen Idealisierung und Abwertung. Solange der Partner die Bedürfnisse des Betroffenen befriedigt, idealisiert er ihn. Erfährt er Zurückweisung oder Enttäuschung verfällt er ins andere Extrem und wertet ihn ab. Beziehungen sind oftmals von Versuchen geprägt, den Partner zu manipulieren. Die Angst, eine nahestehende Person zu verlieren, motiviert die Betroffenen zu verzweifelten Bemühungen, dieses Verlassenwerden zu vermeiden. Dabei greifen sie auch zu extremen Mitteln z. B. Selbstverletzung und Suiziddrohungen/-versuchen, um den anderen unter Druck zu setzen. In zwischenmenschlichen Beziehungen haben Borderliner keine Stabilität und sind oft distanzlos. Sie führen auch schädliche Beziehungen z. B. Gewalt- und Missbrauchserlebnisse bis zur völligen Selbstaufgabe fort. Sie schwanken ständig zwischen Distanz und Nähe.

“Nähe… Was man am dringensten brauchen würde, kann man nicht ertragen.”

Dieses Schwanken führt oft dazu, dass sie sich sehr oft isolieren und sich ausgestossen fühlen. Die meisten Borderliner leben allein, sind ledig oder geschieden, empfinden sich auch als Aussenseiter und haben erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen.

Den Betroffenen fehlt ein konstantes Identitätsgefühl. Sie akzeptieren ihre Eigenschaften wie Intelligenz und Attraktivität nicht als konstantes Gut, sondern als Eigenschaften, die immer wieder neu verdient und im Vergleich mit anderen beurteilt werden müssen. Das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Selbstachtung basieren beim Borderliner deshalb nicht auf in der Vergangenheit erbrachte Leistungen, sondern auf aktuellen Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen und der Meinung von Dritten. Sie haben oft das Gefühl, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen.

3. Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgabe, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essstörung).

Die erwähnte Impulsivität in potentiell selbstschädigendem Verhalten tritt bei Borderline-Patienten meist in süchtigen oder suchtähnlichen Verhaltensweisen hervor. Alkohol, Medikamenten- und Drogenmissbrauch, Spielsucht, Kleptomanie, sexuelle Promiskuität, Schlafentzug, bulimische Fresssucht oder magersüchtige Symptomkonstellationen stehen oft damit in Verbindung. Die Patienten trinken beispielsweise Alkohol in körper- und gesundheitsschädigenden Mengen, um negative Gefühle abzutöten. Doch auch seltenere Verhaltensweisen wie das Fahren von Autos bis an Grenzen des Risikos, das sogenannte “Rackless driving”, treten auf. Diese Impulsivität kann Ausdruck von Stimmungsschwankungen oder Zornausbrüchen sein oder auch ein Versuch, die Gefühle von Einsamkeit und Trennungsangst zu betäuben.

4. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzendes Verhalten.

Suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen sind für die Betroffenen nicht nur eine Möglichkeit, sich aller Probleme zu entledigen, sondern auch eine Form der Kommunikation und eine Variante, mit demjenigen, von dem man etwas will oder von dem man sich etwas erhofft, in Beziehung zu treten. Selbstverletzungstendenzen sowie Suizidandrohungen haben daher häufig andere Hintergründe als den Versuch zu suizidieren. Sie sind oftmals demonstrative Akzente, aber trotzdem immer ernst zu nehmen.

Im Zusammenhang mit Belastungen beginnen Borderliner oft sich zu “ritzen” oder zu “cutten”, da es ihnen dann kurzzeitig besser geht. Sie fangen an, sich die Arme oder andere Körperteile mit Rasierklingen zu zerschneiden. Andere Formen des SvV (Selbstverletzenden Verhaltens) sind auch Verbrennen mit Zigaretten, Hände oder Kopf gegen Wand oder Tisch zu schlagen, Schläge durch die eigene Hand, blutigkratzen, sich selbst würgen und mit Nadeln, Kanüllen oder anderen spitzen Gegenständen stechen. Extreme Fälle, in denen sich der Betroffene Pfefferspray ins Gesicht gesprüht oder seine Gliedmaßen mit einem Schlagstock bearbeitet hat, sind mir ebenfalls bekannt. In schlimmen Erregungszuständen haben sie den Wunsch, sich massiv spüren zu müssen und realisieren dies, indem sie sich so lange Schmerzen zufügen bis sie den Schmerz und damit sich selbst wieder spüren oder die Gefühle von Einsamkeit und Trennungsängsten betäubt sind.

5. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradig episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen einige Stunden und nur selten mehrere Tage andauern).

Die affektive Instabilität, d. h. die starken Stimmungsschwankungen werden als das psychopathologische Grundphänomen der Störung beschrieben. Aufgrund dieser Instablilität treten häufig Verhaltensweisen in den Vordergrund, die Probleme bieten. So rasten sie beispielsweise schnell aus, äussern schnell Schuldzuweisungen gegenüber anderen und neigen zu extremen Reaktionen, mit denen man nicht rechnet und auf die man nicht vorbereitet ist. Für Aussenstehende sind es meist völlig nichtige Anlässe, scheinbare Bagatellen, die zu extremen Verhaltensweisen führen. Borderliner nehmen häufig Dinge sehr persönlich. Sie sind sehr wechselhaft, sprunghaft und für jede Erschütterung sensibel. Das sogenannte “falsche Wort” reicht dabei schon aus und kann ihre Befindlichkeit verschlechtern. Nicht selten passiert es, dass Betroffene emotional abstürzen, denn ihre Stimmungsschwankungen können so extrem sein, dass sie vom Lachen in ein absolutes Tief stürzen und möglicherweise suizidal werden. Sie leben ihre Emotionen wie Wut und Aggression im Moment aus. Stimmungsschwankungen in Richtung Depression, Reizbarkeit oder Angst können beobachtet werden.

6. Das chronische Gefühl von Leere und Langeweile.

Borderline-Persönlichkeiten leiden oft unter einem chronischen Gefühl von Leere und Langeweile. Diese Emotionen werden meist sehr intensiv und oft verbunden mit körperlichen Empfindungen (z. B. Druck im Kopf, Spannungen in der Brust) erlebt. Die Suche nach Erleichterung von diesen belastenden Emotionen endet für die Betroffenen oft in impulsiven und selbstschädigenden Handlungen.

7. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).

In enger Verbindung mit der affektiven Instabilität steht das Diagnosekriterium der unangemessenen und oft unkontrollierbaren Wut. Sie neigen zu Zornausbrüchen, die oft in ihrer Intensität nicht oder kaum kontrolliert werden können und zeitweilig auch zu körperlicher Gewalt führen. Diese Zornausbrüche stehen in keinem Verhältnis zu den auslösenden Ereignissen.

8. Vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Auch vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste, paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome gehören zu den Diagnosekriterien der Borderline-Störung nach dem DSM-IV. Einige Psychologen schildern diese als schizophrenie-ähnliche Symptome mit Beziehungswahn-Erlebnissen. Das bedeutet, dass bei der Borderline-Störung auch halluzinatorische Phänomene, Störungen in der Körperwahrnehmung und psychotische Episoden vorkommen können. Diese treten meist als Folge emotionaler Erregung auf. Die Betroffenen erleben diese Episoden als ich-fremd. Ebenso können dissoziative Zustände auftreten, in denen die Betroffenen nicht mehr zwischen Wirklichkeit, Phantasien, kognitiven Bildern von früheren Erlebnissen und Ängsten unterscheiden können. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit der Abgrenzung von der Borderline-Störung zur Schizophrenie.


Diagnose / Diagnostik



1. Deskriptive Ebene: Symptome

Die deskriptive Diagnostik wird häufig im klinischen Alltag verwandt und konzentriert sich im wesentlichen auf das beobachtbare Verhalten und die damit sichtbaren Symptome einer Störung.

Nachfolgend die für eine Diagnose nachzuweisenden Merkmale mit kurzer Erläuterung.

Chronisch, frei flottierende Angst

Alle Menschen kennen Angst und keiner ist frei von ihr. Sie ist die Voraussetzung zum Überleben. Menschen, deren Entwicklung “gesund” verlief, kennen diese Ängste, nehmen sie wahr und respektieren sie. Borderliner dagegen behaupten häufig, sie wären frei von Angst. Hinter dieser Fassade steckt jedoch sehr viel Angst beziehungsweise eine bedrohliche Form vonAngst, die sie anderen gegenüber nicht zugeben können. Würden sie diese Angst zugeben, wären sie verletzbar und angreifbar. Sie würden ein Stück Schutz verlieren. Die frei flottierende Angst ist das Zentralproblem der Borderline-Störung. Man geht davon aus, dass die anderen Symptome aus ihr resultieren. Diese Angst ist so unerträglich, da sie ungerichtet ist. Viele Betroffene versuchen diese Angst zu reduzieren, sei es durch Drogen, Alkohol, etc.

Multiple Phobien

Bei Borderlinern können alle bekannten Arten von Phobien auftreten, die dann neben der frei flottierenden Angst bestehen oder manchmal auch aus ihr entwickelt werden. Denn hier ist die Angst nicht mehr ungerichtet, sondern zielgerichtet, der Angst wird eine Richtung gegeben und ist somit besser erträglich. Diese Phobien betreffen nicht nur Tiere, sondern auch die eigene Person und den eigenen Körper. Nicht selten ist auch das Auftreten von Klaustrophobie oder einer Phobie vor großen Menschenansammlungen; daraus resultierend, dass der Betroffene erwartet, von anderen psychisch verletzt zu werden. Sie brauchen die Sicherheit, Situationen überschauen btw. schnell aus ihnen flüchten zu können. Das geht nicht in geschlossenen Räumen oder in grossen Menschenmassen und sie fühlen sich dann in solchen Situationen schutzlos ausgeliefert.

Zwangssymptome

Es können alle möglichen Zwänge auftreten. Sie können sich auf Handlungen (z. B. Kaufzwang, SvV, …) und Gedanken beziehen. Sie werden “von Borderline-Patienten eingesetzt, um einem Mangel an innerer Struktur durch eine äussere Struktur zu begegnen. Häufig hat ein solcher Patient ein intellektuell ausgefeiltes System von Erklärungen und Rationalisierungen der Zwangssymptomatik entwickelt.” (DULZ) Diese Zwänge werden oft als ich-fremd erlebt und man versucht sie abzulegen.

Konversionssymptome

DULZ sagt, sie “können an Körperhalluzinationen grenzen und mit bizarren Gefühlen und Bewegungsabläufen verbunden sein. Kopfschmerzen können von einem auf den anderen Tag verschwunden sein und nahtlos zum Beispiel durch Übelkeit mit Erbrechen abgelöst werden.” Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine Show oder Simulation, sondern die Symptome sind ernst zu nehmen, da diese Wechsel die schnelle Veränderung im seelischen Erleben der Betroffenen widerspiegelt.

Dissaziative Reaktionen

Hierbei kann es sich um Dämmerzustände bis hin zu schwerwiegenden Bewusstseinsstörungen handeln. Oft können sich die Patienten hinterher nicht mehr daran erinnern. Beobachtbar sind auch exzessive Tagträumereien, in denen der Betroffene sich selbst in einer heilen Welt leben sieht und sich so für kurze Zeit ein Gefühl von Wohlbefinden verschafft oder somit angst-machende Situationen entgeht. Diese Personen befinden sich dann in einem Zustand, in dem die Aussenwelt nicht mehr bewusst erlebt wird. Diese Reaktionen können soweit gehen, dass sich eine multiple Persönlichkeit entwickelt, wobei die eine Person oft nichts von der anderen weiss.

Depression

Viele Betroffene verspühren eine grosse Leere und manchmal auch eine grosse Wut gegen sich selbst. Oft findet sie ihren Ausdruck in SvV. Vorsicht ist dabei auch geboten, wenn in der Therapie Erlebnisse “ausgegraben” werden, die bei dem Betroffenen Trauer auslösen. Trauer ist normal, aber sie kann bei diesen Personen auch zum Suizid führen. Sie muss in der Therapie bearbeitet werden. Im Gegensatz zu neurotischen und psychotischen Patienten sind Borderliner nicht in der Lage Hilfe anzunehmen, obwohl sie sich diese wünschen. Es ist ein Teufelskreislauf: Sie brauchen Hilfe, nehmen diese aber nicht an, somit lässt die Hilfsbereitschaft im Umfeld nach und sie fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass ihnen niemand helfen möchte und fühlen sich im Stich gelassen.

Sexualität

Abweichendes Sexualleben ist hier ein unbewusstes Verhalten, dass auf einen inneren Konflikt schliessen lässt. Beispielsweise aus Angst vor echter Nähe wählt man den Geschlechtsverkehr mit mehreren Partnern, da man sich hier auf niemanden näher einlassen muss.

Psychosomatische Symptome

Auftreten können alle bekannten psychosomatischen Symptome. Sie könne als Ausdruck eines psychogenen Schmerzes gesehen werden.

Psychotische Symptome

Sie machen oft eine Abgrenzung zwischen Psychose und Borderline-Störung schwierig. Im Gegensatz zur Psychose gehen sie jedoch wieder völlig zurück und dauern meist nur kurze Zeit, deshalb werden sie oft als “Minipsychose” bezeichnet. Die Borderline-Patienten kommen oft auch während der psychotischen Phasen zu der Einsicht, dass die Stimmen, die sie beispielsweise hören, gar nicht real sind bzw. sein können. Öfter treten akustische und optische Halluzinationen (meist als Pseudohalluzinationen bezeichnet) auf, die jedoch laut DULZ “eher als symbolisiertes Wiedererleben der erlittenen Traumata” gesehen werden können.

Verlust der Impulskontrolle

Borderliner verlieren ebenfalls oft die Kontrolle über sich selbst, ohne dass der auslöser im Verhältnis zur Reaktion steht. “Das “ich platze vor Wut” ist für Borderline-Patienten greifbar ernst. Die Sprengstücke seines Ichs samt verlorener Selbstkontrolle und erneutem Verletztwerden fliegen ihm und den Anwesenden buchstäblich um die Ohren, so dass andere beim Einsammeln der Scherben mithelfen müssen, bevor sie sich von dem erholen, was sie selber abgekriegt haben” (GNEIST, 1996). Das heisst sie können sich hinterher oft auch nicht an ihre unangemessenen Reaktionen erinnern und/oder es ist ihnen peinlich bzw unangenehm.

Sozialverhalten/Delinquenz

Borderliner sind oftmals sozial isoliert, obwohl sie zum Teil ein sehr ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialen Kontakten haben. Oder sie sind nicht in der Lage, sich von jemandem zu trennen, da sie mit einer Trennung verbundene Trauer fürchten.

Kriminelle Straftaten (z. B. Eigentunsdelikte, Drogenhandel, Sachbeschädigung, Körperverletzung) trifft man oft an und auch nach einer Behandlung schaffen es wenige Patienten, den geplanten Weg der Nichtkriminalität einzuhalten.

Drogenmissbrauch / Sucht

Drogen werden selten genommen, um einen Rausch zu erzeugen, sondern vielmehr um Angst und Leere zu verdrängen. Es soll kein positives Gefühl erzeugt werden, sondern negative Gefühle sollen vermieden werden. Einige Autoren gehen von der Annahme aus, dass die Borderline-Patienten sich mit Drogen selbst heilen wollen. Hier ist das Misslingen vorprogrammiert. Aber trotz ihrer negativen Erfahrungen greifen sie immer zu Drogen und verleugnen auch vor sich selbst jene negativen Erfahrungen.

Suizidalität

Viele Betroffene weisen erste Suizidversuche bereits schon in der Jungend auf. Diese Suizidalität kann verschieden interpretiert werden. Es kann sich um einen Versuch handeln, Probleme endgültig hinter sich zu lassen, Hilfeschrei, Kommunikationsmittel, …

2. Strukturelle Ebene: Abwehrmechanismen

Das Kind muss beispielsweise lernen, dass die Mutter, auch wenn sie nein sagt, eine Mutter ist, die das Kind liebt, d. h. “böse” und “gute” Anteile in einem Menschen nebeneinander existieren und zusammengehören. Gelingt dies nicht, ist der Mensch später nicht in der Lage diese Anteile zusammenzubringen. Er spaltet, d. h. für ihn sind Menschen entweder gut oder schlecht, schwarz oder weiss. Grautöne kennt er nicht. Nur so kann er Menschen einordnen und für geklärte Verhältnisse sorgen. Die Guten werden idealisiert und die Bösen abgewertet. Jedoch kann eine Guter ganz schnell zum Bösen werden, nämlich dann, wenn er beispielsweise keine Zeit für den Betroffenen hat. Dieser Hautabwehrmechanismus der Borderliner dient der Angstreduzierung.

Der Borderliner nimmt Menschen nicht als Ganzes war, da er die Gefühle Liebe und Hass, aufgrund der Spaltung, getrennt erlebt. Entweder er hasst die Person und fühlt sich von ihr bedroht und versucht sich zu distanzieren oder er liebt sie ohne auch nur einen Makel an ihr zu entdecken.

Primitive Idealisierung

“Bei Borderline-Patienten ist jemand entweder ideal und also in der Lage, vor bösen Personen zu schützen, oder aber völlig unfähig und somit überflüssig.” (DULZ, 1996)

Sie idealisieren Menschen, ohne sie näher zu kennen und glauben, dass diese immer gut, verfügbar und alles könnend sind. Da diese unrealistischen Erwartungen sich selten oder nie erfüllen, wird die Idealisierung direkt von der Entwertung abgelöst.

Projektive Identifizierung

Dieser Mechanismus ist sehr schwer zu verstehen. Der Patient löst eigene Teile aus seiner Psyche und überträgt diese auf eine andere Person und hat das Gefühl mit dieser Person eins zu sein. Meist handelt es sich dabei um aggressive Anteile, die dann nicht mehr an sich selbst, sondern an dem anderen wahrgenommen werden. Damit entlastet sich der Betroffene, da er diese Gefühle nun nicht mehr erlebt bzw spürt und sich somit auch nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen muss.

Omnipotenzgefühl und Entwertung

Oftmals treten auch Grössenphantasien auf. Borderliner flüchten in eine Welt, in der sie nicht Gefahr laufen, von anderen enttäuscht, gekränkt oder verlassen zu werden. Sie schützen sich, indem sie sich als stark und mächtig erleben und andere Menschen abwerten. Diese Grössenphantasien tauchen beispielsweise bei der Wohnungssuche (trotz knappen Wohnraums, denken sie, dass es kein Problem ist eine Wohnung zu finden), bei der ambulanten Therapie (sie glauben, dass alles klappt und sie Probleme aus eigener Kraft bewältigen können), etc. auf. Scheitern sie, schlagen die Gefühle um und sie glauben, nichts zu schaffen, und entwerten sich selbst. Selbstentwertung und Omnipotenzgefühle wechseln sich ständig ab.

Verleugnung

Anders als beim Lügen werden Dinge nicht bewusst verfälscht. Tatsachen (wie beispielsweise Missbrauchserfahrungen) werden ausgeblendet, vermutlich um sich selbst zu schützen und sind auch im Falle einer Konfrontation nicht oder nur für kurze Zeit abrufbar.

Gegenübertragung

DULZ bezeichnet Gegenübertragungen als “jene Gefühle, die ein Patient im Gegenüber, also beispielsweise im Therapeuten oder Pfleger, auslöst”. Die Patienten haben als Kinder nie gelernt, dass Beziehungen tragfähig sind. Sie sind immer wieder enttäuscht worden. Aufgrund dieser negativen Erfahrungen ist ihnen dieses Erleben bekannt und vertraut und sie versuchen es immer wieder herzustellen. Sie haben mehr Angst vor Nähe als vor dem Verlassenwerden. Würden sie Nähe zulassen, wäre ein Verlassenwerden noch schmerzhafter. Sie provozieren regelrecht Situationen, in denen sie wieder verlassen werden. Sie erzeugen beispielsweise Wut beim Gegenüber durch häufige und starke Kränkungen. Man muss um diese Gegenübertragung wissen, diese wahrnehmen und akzeptieren, damit die Gefühle nicht in Ablehnung, etc. des Patienten umschlagen. Jedoch hat jeder Mensch und somit auch jeder Therapeut etc. Grenzen, die nicht überschritten werden sollten.





Erklärungsansätze



… psychoanalytisch

Laut Kernberg haben Borderliner als Kinder nie gelernt, mit Gefühlen umzugehen. Sei es, weil die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes nie ernst genommen und befriedigt wurden. Sei es, weil schon die Eltern nicht mit ihren Gefühlen umzugehen wussten. Sei es, weil die Eltern sich mal in der Rolle des Liebendes, Umsorgenden, … und mal ind er Rolle des Schlagenden, Missbrauchenden, … präsentierten, so dass das Kind diese widersprüchlichen Verhaltensweisen nicht verarbeiten, einordnen oder miteinander verbinden konnte. Hier gebe es viele ungünstige Lernerfahrungen.

Laut dem Entwicklungsmodell von Mahler, Pine und Bergmann (1975) lernen Kinder erst allmählich während der ersten Lebensjahre, sich als autonome Individuen in einer Welt voneinander getrennter Objekte zu begreifen, d. h. sie ziehen Grenzen zwischen sich selbst und anderen. Zu Beginn empfinden Kinder sich als eine Einheit mit ihrer Mutter und lösen sich in der Regel bis zum dritten Lebensjahr von ihr los, d. h. erst dann erleben sie sich als Individuum. Mit seiner Geburt ordnet das Kind seine Erfahrungen zunächst in Lust und Unlust oder gut und böse und lässt sie getrennt voneinander bzw. spaltet sie. So ist eine Mutter gut, wenn sie Trost spendet und böse, wenn sie nicht erreichbar/anwesend und/oder nicht in der Lage ist Trost zu spenden. Erst später ordnet das Kind sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen ein und derselben Person zu. Die Mutter kann nun gut und böse ineinander vereinen, während es zuvor eine gute und eine böse Mutter gab. So wird beispielsweise die Trennungsangst durch das Wissen abgelöst, dass die Mutter auch dann existiert, wenn sie körperlich nicht anwesend ist. Dieses Phänomen wird als Objektkonstanz bezeichnet.

Den Entwicklungstheorien zufolge ist der Borderliner nie in der Lage, diese Phase der Objektkonstanz zu erreichen. Die Borderline-Patienten halten an der Spaltung meist ein Leben lang fest.

… verhaltenstherapeutisch

Linehan vertritt die Meinung, dass die Bezugspersonen den Gefühlen der Borderliner kaum oder gar keine Beachtung schenken. Im Gegenteil, sie drängen oftmals darauf, dass die Betroffenen eine “positive Einstellung” zeigen und leben. Deshalb lernen Borderliner weitere unangebrachte Formen der Gefühlsregulation. Sie neigen oft zu “Alles-oder-Nichts”-Denken.

Die Verbindung von geringschätzender oder teilweise sogar strafender Haltung des Umfeldes und der realen Angst der Betroffenen, ihre Gefühle nicht steuern zu können, führt dazu, dass sie starke Gefühle nicht lange ertragen können. Die Folge sind ernsthafte Krisen und Situationen, die für die Person als unlösbar und nicht zu bewältigen scheinen. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass sie sich auf andere verlassen müssen. Aber genau das ist das Problem. Aufgrund ihrer Entwicklung sind sie nicht in der Lage, ihre Schwächen aufzuzeigen und um Hilfe zu bitten, vielmehr tun sie dies auf subtile und indirekte Weise.

Die Betroffenen pendeln häufig zwischen dem Wunsch nach Abhängigkeit und der aktiven Vermeidung dieser, statt sich in einem vernünftigen Ausmass auf andere verlassen zu können. Die Begründung dafür steckt in den von Linehan angenommenen drei “dialektischen Denkweisen”, die in der kognitiven Therapie häufig angeführt werden. Sie lauten:

“Die Welt ist gefährlich und feindselig”

“Ich bin machtlos und verletzlich”

“Ich bin von Natur aus inakzeptabel”

Sie glauben, es sei gefährlich Schwächen zu zeigen oder Risiken einzugehen. Sie schaffen es nicht, bei der Bewältigung von vorhandenen Bedrohungen auf ihre persönlichen Befähigungen zu vertrauen. Die ständige Angst der Betroffenen, in eine Situation zu geraten, aus der sie nicht mühelos entkommen können, führt zu erheblichen, fast schon chronischen Anspannungszuständen. Sie glauben, relativ hilflos in einer feindseligen Welt ohne Sicherheit zu sein, schwanken somit zwischen Autonomie und Abhängigkeit hin und her, ohne sich auf eine der beiden verlassen zu können. Darüber hinaus denken Borderliner zweigeteilt. Sie bewerten Erlebnisse und Erfahrungen entweder als gut oder schlecht, erfolgreich oder erfolglos, … Schwarz-Weiss-Denken. Sie interpretieren Situationen, Erfahrungen etc. in Extremen, obwohl diese eigentlich als miteinander zusammenhängend betrachtet werden können.

© Katja Leonhardt

 

3 Responses to Borderline Persönlichkeitsstörung

  1. reisender sagt:

    ich dacht ich hätte meinen hafen gefunden….
    der schmerz den du mir gabst ist nicht der meine,
    ich trug in für dich ein langes stück der reise…
    nun ist es gut, ich geb ihn dir zurück.
    trag in selber weiter, es liegt an dir in welcher art und weise.
    in liebe

  2. Reni sagt:

    Leider bin ich auch von dem boderline syndrom betroffen, obwohl ich meinem jahrelangen Teufelskreis ungern einen Namen geben mag.

    Ich bin froh, dass es heute soviele Erkenntnisse dazu gibt. Jedoch gibt es leider keine Hilfen!!!! Habe mich nach Jahren getraut in Behandlung gehen zu wollen, aber es gibt keine Therapieplätze oder ausreichend geschulte Therapeuten. So ist jeder borderliner mit seinem Gefühlschaos und den daraus entstehenden Konsequenzen sich stets selbst überlassen…..
    … so auch ich!

  3. melanie roling sagt:

    hallo!
    die seite ist super! ich habe seit 14 jahren das borderline syndrom! es ist die perfekte seite für leute die ihre blöden komentare über uns abgeben und keine ahnung haben! macht weiter so! ich bleibe euch treu!
    vg melanie

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