Die Entdeckung der Langsamkeit

On 16. Februar 2006, in Buch, Film & Musik, by Anaxabia

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Auf dem Friedhof kannte John sich aus. Die erste Zeile auf allen Grabsteinen hieß: >>To the memory of<<. Er konnte lesen, aber er vertiefte sich lieber in den Geist der einzelnen Buchstaben. Sie waren im Geschriebenen das Dauerhafte, das immer Wiederkehrende, er liebte sie. Die Grabsteine stellten sich tagsüber auf, der eine steiler, der andere schräger, um für die Toten etwas Sonne aufzufangen. Nachts legten sie sich flach und sammelten in den Vertiefungen ihrer Inschriften mit großer Geduld den Tau. Grabsteine konnten auch sehen. Sie nahmen Bewegungen wahr, die für menschliche Augen zu allmählich waren: den Tanz der Wolken bei Windstille, das Herumschwenken des Turmschattens von West nach Ost, die Kopfbewegungen der Blumen nach der Sonne hin, sogar den Graswuchs.
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Aus Sten Nadolny | Die Entdeckung der Langsamkeit

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