...Diagnose / Diagnostik...
1. Deskriptive Ebene: Symptome
Die deskriptive Diagnostik wird häufig im klinischen Alltag verwandt und konzentriert sich im wesentlichen auf das beobachtbare Verhalten und die damit sichtbaren Symptome einer Störung.
Nachfolgend die für eine Diagnose nachzuweisenden Merkmale mit kurzer Erläuterung.
Chronisch, frei flottierende Angst
Alle Menschen kennen Angst und keiner ist frei von ihr. Sie ist die Voraussetzung zum Überleben. Menschen, deren Entwicklung "gesund" verlief, kennen diese Ängste, nehmen sie wahr und respektieren sie. Borderliner dagegen behaupten häufig, sie wären frei von Angst. Hinter dieser Fassade steckt jedoch sehr viel Angst beziehungsweise eine bedrohliche Form vonAngst, die sie anderen gegenüber nicht zugeben können. Würden sie diese Angst zugeben, wären sie verletzbar und angreifbar. Sie würden ein Stück Schutz verlieren. Die frei flottierende Angst ist das Zentralproblem der Borderline-Störung. Man geht davon aus, dass die anderen Symptome aus ihr resultieren. Diese Angst ist so unerträglich, da sie ungerichtet ist. Viele Betroffene versuchen diese Angst zu reduzieren, sei es durch Drogen, Alkohol, etc.
Multiple Phobien
Bei Borderlinern können alle bekannten Arten von Phobien auftreten, die dann neben der frei flottierenden Angst bestehen oder manchmal auch aus ihr entwickelt werden. Denn hier ist die Angst nicht mehr ungerichtet, sondern zielgerichtet, der Angst wird eine Richtung gegeben und ist somit besser erträglich. Diese Phobien betreffen nicht nur Tiere, sondern auch die eigene Person und den eigenen Körper. Nicht selten ist auch das Auftreten von Klaustrophobie oder einer Phobie vor großen Menschenansammlungen; daraus resultierend, dass der Betroffene erwartet, von anderen psychisch verletzt zu werden. Sie brauchen die Sicherheit, Situationen überschauen btw. schnell aus ihnen flüchten zu können. Das geht nicht in geschlossenen Räumen oder in grossen Menschenmassen und sie fühlen sich dann in solchen Situationen schutzlos ausgeliefert.
Zwangssymptome
Es können alle möglichen Zwänge auftreten. Sie können sich auf Handlungen (z. B. Kaufzwang, SvV, ...) und Gedanken beziehen. Sie werden "von Borderline-Patienten eingesetzt, um einem Mangel an innerer Struktur durch eine äussere Struktur zu begegnen. Häufig hat ein solcher Patient ein intellektuell ausgefeiltes System von Erklärungen und Rationalisierungen der Zwangssymptomatik entwickelt." (DULZ) Diese Zwänge werden oft als ich-fremd erlebt und man versucht sie abzulegen.
Konversionssymptome
DULZ sagt, sie "können an Körperhalluzinationen grenzen und mit bizarren Gefühlen und Bewegungsabläufen verbunden sein. Kopfschmerzen können von einem auf den anderen Tag verschwunden sein und nahtlos zum Beispiel durch Übelkeit mit Erbrechen abgelöst werden." Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine Show oder Simulation, sondern die Symptome sind ernst zu nehmen, da diese Wechsel die schnelle Veränderung im seelischen Erleben der Betroffenen widerspiegelt.
Dissaziative Reaktionen
Hierbei kann es sich um Dämmerzustände bis hin zu schwerwiegenden Bewusstseinsstörungen handeln. Oft können sich die Patienten hinterher nicht mehr daran erinnern. Beobachtbar sind auch exzessive Tagträumereien, in denen der Betroffene sich selbst in einer heilen Welt leben sieht und sich so für kurze Zeit ein Gefühl von Wohlbefinden verschafft oder somit angst-machende Situationen entgeht. Diese Personen befinden sich dann in einem Zustand, in dem die Aussenwelt nicht mehr bewusst erlebt wird. Diese Reaktionen können soweit gehen, dass sich eine multiple Persönlichkeit entwickelt, wobei die eine Person oft nichts von der anderen weiss.
Depression
Viele Betroffene verspühren eine grosse Leere und manchmal auch eine grosse Wut gegen sich selbst. Oft findet sie ihren Ausdruck in SvV. Vorsicht ist dabei auch geboten, wenn in der Therapie Erlebnisse "ausgegraben" werden, die bei dem Betroffenen Trauer auslösen. Trauer ist normal, aber sie kann bei diesen Personen auch zum Suizid führen. Sie muss in der Therapie bearbeitet werden. Im Gegensatz zu neurotischen und psychotischen Patienten sind Borderliner nicht in der Lage Hilfe anzunehmen, obwohl sie sich diese wünschen. Es ist ein Teufelskreislauf: Sie brauchen Hilfe, nehmen diese aber nicht an, somit lässt die Hilfsbereitschaft im Umfeld nach und sie fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass ihnen niemand helfen möchte und fühlen sich im Stich gelassen.
Sexualität
Abweichendes Sexualleben ist hier ein unbewusstes Verhalten, dass auf einen inneren Konflikt schliessen lässt. Beispielsweise aus Angst vor echter Nähe wählt man den Geschlechtsverkehr mit mehreren Partnern, da man sich hier auf niemanden näher einlassen muss.
Psychosomatische Symptome
Auftreten können alle bekannten psychosomatischen Symptome. Sie könne als Ausdruck eines psychogenen Schmerzes gesehen werden.
Psychotische Symptome
Sie machen oft eine Abgrenzung zwischen Psychose und Borderline-Störung schwierig. Im Gegensatz zur Psychose gehen sie jedoch wieder völlig zurück und dauern meist nur kurze Zeit, deshalb werden sie oft als "Minipsychose" bezeichnet. Die Borderline-Patienten kommen oft auch während der psychotischen Phasen zu der Einsicht, dass die Stimmen, die sie beispielsweise hören, gar nicht real sind bzw. sein können. Öfter treten akustische und optische Halluzinationen (meist als Pseudohalluzinationen bezeichnet) auf, die jedoch laut DULZ "eher als symbolisiertes Wiedererleben der erlittenen Traumata" gesehen werden können.
Verlust der Impulskontrolle
Borderliner verlieren ebenfalls oft die Kontrolle über sich selbst, ohne dass der auslöser im Verhältnis zur Reaktion steht. "Das "ich platze vor Wut" ist für Borderline-Patienten greifbar ernst. Die Sprengstücke seines Ichs samt verlorener Selbstkontrolle und erneutem Verletztwerden fliegen ihm und den Anwesenden buchstäblich um die Ohren, so dass andere beim Einsammeln der Scherben mithelfen müssen, bevor sie sich von dem erholen, was sie selber abgekriegt haben" (GNEIST, 1996). Das heisst sie können sich hinterher oft auch nicht an ihre unangemessenen Reaktionen erinnern und/oder es ist ihnen peinlich bzw unangenehm.
Sozialverhalten/Delinquenz
Borderliner sind oftmals sozial isoliert, obwohl sie zum Teil ein sehr ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialen Kontakten haben. Oder sie sind nicht in der Lage, sich von jemandem zu trennen, da sie mit einer Trennung verbundene Trauer fürchten.
Kriminelle Straftaten (z. B. Eigentunsdelikte, Drogenhandel, Sachbeschädigung, Körperverletzung) trifft man oft an und auch nach einer Behandlung schaffen es wenige Patienten, den geplanten Weg der Nichtkriminalität einzuhalten.
Drogenmissbrauch / Sucht
Drogen werden selten genommen, um einen Rausch zu erzeugen, sondern vielmehr um Angst und Leere zu verdrängen. Es soll kein positives Gefühl erzeugt werden, sondern negative Gefühle sollen vermieden werden. Einige Autoren gehen von der Annahme aus, dass die Borderline-Patienten sich mit Drogen selbst heilen wollen. Hier ist das Misslingen vorprogrammiert. Aber trotz ihrer negativen Erfahrungen greifen sie immer zu Drogen und verleugnen auch vor sich selbst jene negativen Erfahrungen.
Suizidalität
Viele Betroffene weisen erste Suizidversuche bereits schon in der Jungend auf. Diese Suizidalität kann verschieden interpretiert werden. Es kann sich um einen Versuch handeln, Probleme endgültig hinter sich zu lassen, Hilfeschrei, Kommunikationsmittel, ...
1. Strukturelle Ebene: Abwehrmechanismen
Das Kind muss beispielsweise lernen, dass die Mutter, auch wenn sie nein sagt, eine Mutter ist, die das Kind liebt, d. h. "böse" und "gute" Anteile in einem Menschen nebeneinander existieren und zusammengehören. Gelingt dies nicht, ist der Mensch später nicht in der Lage diese Anteile zusammenzubringen. Er spaltet, d. h. für ihn sind Menschen entweder gut oder schlecht, schwarz oder weiss. Grautöne kennt er nicht. Nur so kann er Menschen einordnen und für geklärte Verhältnisse sorgen. Die Guten werden idealisiert und die Bösen abgewertet. Jedoch kann eine Guter ganz schnell zum Bösen werden, nämlich dann, wenn er beispielsweise keine Zeit für den Betroffenen hat. Dieser Hautabwehrmechanismus der Borderliner dient der Angstreduzierung.
Der Borderliner nimmt Menschen nicht als Ganzes war, da er die Gefühle Liebe und Hass, aufgrund der Spaltung, getrennt erlebt. Entweder er hasst die Person und fühlt sich von ihr bedroht und versucht sich zu distanzieren oder er liebt sie ohne auch nur einen Makel an ihr zu entdecken.
Primitive Idealisierung
"Bei Borderline-Patienten ist jemand entweder ideal und also in der Lage, vor bösen Personen zu schützen, oder aber völlig unfähig und somit überflüssig." (DULZ, 1996)
Sie idealisieren Menschen, ohne sie näher zu kennen und glauben, dass diese immer gut, verfügbar und alles könnend sind. Da diese unrealistischen Erwartungen sich selten oder nie erfüllen, wird die Idealisierung direkt von der Entwertung abgelöst.
Projektive Identifizierung
Dieser Mechanismus ist sehr schwer zu verstehen. Der Patient löst eigene Teile aus seiner Psyche und überträgt diese auf eine andere Person und hat das Gefühl mit dieser Person eins zu sein. Meist handelt es sich dabei um aggressive Anteile, die dann nicht mehr an sich selbst, sondern an dem anderen wahrgenommen werden. Damit entlastet sich der Betroffene, da er diese Gefühle nun nicht mehr erlebt bzw spürt und sich somit auch nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen muss.
Omnipotenzgefühl und Entwertung
Oftmals treten auch Grössenphantasien auf. Borderliner flüchten in eine Welt, in der sie nicht Gefahr laufen, von anderen enttäuscht, gekränkt oder verlassen zu werden. Sie schützen sich, indem sie sich als stark und mächtig erleben und andere Menschen abwerten. Diese Grössenphantasien tauchen beispielsweise bei der Wohnungssuche (trotz knappen Wohnraums, denken sie, dass es kein Problem ist eine Wohnung zu finden), bei der ambulanten Therapie (sie glauben, dass alles klappt und sie Probleme aus eigener Kraft bewältigen können), etc. auf. Scheitern sie, schlagen die Gefühle um und sie glauben, nichts zu schaffen, und entwerten sich selbst. Selbstentwertung und Omnipotenzgefühle wechseln sich ständig ab.
Verleugnung
Anders als beim Lügen werden Dinge nicht bewusst verfälscht. Tatsachen (wie beispielsweise Missbrauchserfahrungen) werden ausgeblendet, vermutlich um sich selbst zu schützen und sind auch im Falle einer Konfrontation nicht oder nur für kurze Zeit abrufbar.
Gegenübertragung
DULZ bezeichnet Gegenübertragungen als "jene Gefühle, die ein Patient im Gegenüber, also beispielsweise im Therapeuten oder Pfleger, auslöst". Die Patienten haben als Kinder nie gelernt, dass Beziehungen tragfähig sind. Sie sind immer wieder enttäuscht worden. Aufgrund dieser negativen Erfahrungen ist ihnen dieses Erleben bekannt und vertraut und sie versuchen es immer wieder herzustellen. Sie haben mehr Angst vor Nähe als vor dem Verlassenwerden. Würden sie Nähe zulassen, wäre ein Verlassenwerden noch schmerzhafter. Sie provozieren regelrecht Situationen, in denen sie wieder verlassen werden. Sie erzeugen beispielsweise Wut beim Gegenüber durch häufige und starke Kränkungen. Man muss um diese Gegenübertragung wissen, diese wahrnehmen und akzeptieren, damit die Gefühle nicht in Ablehnung, etc. des Patienten umschlagen. Jedoch hat jeder Mensch und somit auch jeder Therapeut etc. Grenzen, die nicht überschritten werden sollten.
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© Katja Leonhardt