...Erklärungsansätze...

 

... psychoanalytisch

Laut Kernberg haben Borderliner als Kinder nie gelernt, mit Gefühlen umzugehen. Sei es, weil die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes nie ernst genommen und befriedigt wurden. Sei es, weil schon die Eltern nicht mit ihren Gefühlen umzugehen wussten. Sei es, weil die Eltern sich mal in der Rolle des Liebendes, Umsorgenden, ... und mal ind er Rolle des Schlagenden, Missbrauchenden, ... präsentierten, so dass das Kind diese widersprüchlichen Verhaltensweisen nicht verarbeiten, einordnen oder miteinander verbinden konnte. Hier gebe es viele ungünstige Lernerfahrungen.

Laut dem Entwicklungsmodell von Mahler, Pine und Bergmann (1975) lernen Kinder erst allmählich während der ersten Lebensjahre, sich als autonome Individuen in einer Welt voneinander getrennter Objekte zu begreifen, d. h. sie ziehen Grenzen zwischen sich selbst und anderen. Zu Beginn empfinden Kinder sich als eine Einheit mit ihrer Mutter und lösen sich in der Regel bis zum dritten Lebensjahr von ihr los, d. h. erst dann erleben sie sich als Individuum. Mit seiner Geburt ordnet das Kind seine Erfahrungen zunächst in Lust und Unlust oder gut und böse und lässt sie getrennt voneinander bzw. spaltet sie. So ist eine Mutter gut, wenn sie Trost spendet und böse, wenn sie nicht erreichbar/anwesend und/oder nicht in der Lage ist Trost zu spenden. Erst später ordnet das Kind sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen ein und derselben Person zu. Die Mutter kann nun gut und böse ineinander vereinen, während es zuvor eine gute und eine böse Mutter gab. So wird beispielsweise die Trennungsangst durch das Wissen abgelöst, dass die Mutter auch dann existiert, wenn sie körperlich nicht anwesend ist. Dieses Phänomen wird als Objektkonstanz bezeichnet.

Den Entwicklungstheorien zufolge ist der Borderliner nie in der Lage, diese Phase der Objektkonstanz zu erreichen. Die Borderline-Patienten halten an der Spaltung meist ein Leben lang fest.

 

... verhaltenstherapeutisch

Linehan vertritt die Meinung, dass die Bezugspersonen den Gefühlen der Borderliner kaum oder gar keine Beachtung schenken. Im Gegenteil, sie drängen oftmals darauf, dass die Betroffenen eine "positive Einstellung" zeigen und leben. Deshalb lernen Borderliner weitere unangebrachte Formen der Gefühlsregulation. Sie neigen oft zu "Alles-oder-Nichts"-Denken.

Die Verbindung von geringschätzender oder teilweise sogar strafender Haltung des Umfeldes und der realen Angst der Betroffenen, ihre Gefühle nicht steuern zu können, führt dazu, dass sie starke Gefühle nicht lange ertragen können. Die Folge sind ernsthafte Krisen und Situationen, die für die Person als unlösbar und nicht zu bewältigen scheinen. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass sie sich auf andere verlassen müssen. Aber genau das ist das Problem. Aufgrund ihrer Entwicklung sind sie nicht in der Lage, ihre Schwächen aufzuzeigen und um Hilfe zu bitten, vielmehr tun sie dies auf subtile und indirekte Weise.

Die Betroffenen pendeln häufig zwischen dem Wunsch nach Abhängigkeit und der aktiven Vermeidung dieser, statt sich in einem vernünftigen Ausmass auf andere verlassen zu können. Die Begründung dafür steckt in den von Linehan angenommenen drei "dialektischen Denkweisen", die in der kognitiven Therapie häufig angeführt werden. Sie lauten:

"Die Welt ist gefährlich und feindselig"

"Ich bin machtlos und verletzlich"

"Ich bin von Natur aus inakzeptabel"

Sie glauben, es sei gefährlich Schwächen zu zeigen oder Risiken einzugehen. Sie schaffen es nicht, bei der Bewältigung von vorhandenen Bedrohungen auf ihre persönlichen Befähigungen zu vertrauen. Die ständige Angst der Betroffenen, in eine Situation zu geraten, aus der sie nicht mühelos entkommen können, führt zu erheblichen, fast schon chronischen Anspannungszuständen. Sie glauben, relativ hilflos in einer feindseligen Welt ohne Sicherheit zu sein, schwanken somit zwischen Autonomie und Abhängigkeit hin und her, ohne sich auf eine der beiden verlassen zu können. Darüber hinaus denken Borderliner zweigeteilt. Sie bewerten Erlebnisse und Erfahrungen entweder als gut oder schlecht, erfolgreich oder erfolglos, ... Schwarz-Weiss-Denken. Sie interpretieren Situationen, Erfahrungen etc. in Extremen, obwohl diese eigentlich als miteinander zusammenhängend betrachtet werden können.

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© Katja Leonhardt