...Kriterien...
1. Das verzweifelte Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
Für die Betroffenen steht die ständige Furcht vor einem Beziehungsabbruch im Vordergrund. Trotzdem inszenieren sie immer genau das, was sie eigentlich befürchten - nämlich abgelehnt und ausgestossen zu werden. Wenn sie allein sind, verlieren sie häufig aufgrund ihrer gestörten Ich-Identität das Gefühl für die Realität ihrer Existenz. Erschwerend kommt hinzu, dass sie oft auch vorübergehendes Alleinsein als dauerhafte Isolation wahrnehmen. Sie neigen dazu zu glauben, dass sie böse sind und deshalb verlassen wurden.
2. Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch den Wechselzwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist. Identitätsstörung als ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
Menschen mit einer Borderline-Störung führen oft unangemessen intensive und unbeständige Beziehungen zu anderen Menschen. Nach dem DSM-IV fordern sie "viel gemeinsame Zeit ein und teilen sich bereits am Anfang einer Beziehung in intimen Einzelheiten mit". Der Partner wird von ihnen extrem unterschiedlich eingeschätzt. Diese Einschätzung schwankt zwischen Idealisierung und Abwertung. Solange der Partner die Bedürfnisse des Betroffenen befriedigt, idealisiert er ihn. Erfährt er Zurückweisung oder Enttäuschung verfällt er ins andere Extrem und wertet ihn ab. Beziehungen sind oftmals von Versuchen geprägt, den Partner zu manipulieren. Die Angst, eine nahestehende Person zu verlieren, motiviert die Betroffenen zu verzweifelten Bemühungen, dieses Verlassenwerden zu vermeiden. Dabei greifen sie auch zu extremen Mitteln z. B. Selbstverletzung und Suiziddrohungen/-versuchen, um den anderen unter Druck zu setzen. In zwischenmenschlichen Beziehungen haben Borderliner keine Stabilität und sind oft distanzlos. Sie führen auch schädliche Beziehungen z. B. Gewalt- und Missbrauchserlebnisse bis zur völligen Selbstaufgabe fort. Sie schwanken ständig zwischen Distanz und Nähe.
"Nähe... Was man am dringensten brauchen würde, kann man nicht ertragen."
Dieses Schwanken führt oft dazu, dass sie sich sehr oft isolieren und sich ausgestossen fühlen. Die meisten Borderliner leben allein, sind ledig oder geschieden, empfinden sich auch als Aussenseiter und haben erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen.
Den Betroffenen fehlt ein konstantes Identitätsgefühl. Sie akzeptieren ihre Eigenschaften wie Intelligenz und Attraktivität nicht als konstantes Gut, sondern als Eigenschaften, die immer wieder neu verdient und im Vergleich mit anderen beurteilt werden müssen. Das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Selbstachtung basieren beim Borderliner deshalb nicht auf in der Vergangenheit erbrachte Leistungen, sondern auf aktuellen Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen und der Meinung von Dritten. Sie haben oft das Gefühl, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen.
3. Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgabe, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essstörung).
Die erwähnte Impulsivität in potentiell selbstschädigendem Verhalten tritt bei Borderline-Patienten meist in süchtigen oder suchtähnlichen Verhaltensweisen hervor. Alkohol, Medikamenten- und Drogenmissbrauch, Spielsucht, Kleptomanie, sexuelle Promiskuität, Schlafentzug, bulimische Fresssucht oder magersüchtige Symptomkonstellationen stehen oft damit in Verbindung. Die Patienten trinken beispielsweise Alkohol in körper- und gesundheitsschädigenden Mengen, um negative Gefühle abzutöten. Doch auch seltenere Verhaltensweisen wie das Fahren von Autos bis an Grenzen des Risikos, das sogenannte "Rackless driving", treten auf. Diese Impulsivität kann Ausdruck von Stimmungsschwankungen oder Zornausbrüchen sein oder auch ein Versuch, die Gefühle von Einsamkeit und Trennungsangst zu betäuben.
4. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzendes Verhalten.
Suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen sind für die Betroffenen nicht nur eine Möglichkeit, sich aller Probleme zu entledigen, sondern auch eine Form der Kommunikation und eine Variante, mit demjenigen, von dem man etwas will oder von dem man sich etwas erhofft, in Beziehung zu treten. Selbstverletzungstendenzen sowie Suizidandrohungen haben daher häufig andere Hintergründe als den Versuch zu suizidieren. Sie sind oftmals demonstrative Akzente, aber trotzdem immer ernst zu nehmen.
Im Zusammenhang mit Belastungen beginnen Borderliner oft sich zu "ritzen" oder zu "cutten", da es ihnen dann kurzzeitig besser geht. Sie fangen an, sich die Arme oder andere Körperteile mit Rasierklingen zu zerschneiden. Andere Formen des SvV (Selbstverletzenden Verhaltens) sind auch Verbrennen mit Zigaretten, Hände oder Kopf gegen Wand oder Tisch zu schlagen, Schläge durch die eigene Hand, blutigkratzen, sich selbst würgen und mit Nadeln, Kanüllen oder anderen spitzen Gegenständen stechen. Extreme Fälle, in denen sich der Betroffene Pfefferspray ins Gesicht gesprüht oder seine Gliedmaßen mit einem Schlagstock bearbeitet hat, sind mir ebenfalls bekannt. In schlimmen Erregungszuständen haben sie den Wunsch, sich massiv spüren zu müssen und realisieren dies, indem sie sich so lange Schmerzen zufügen bis sie den Schmerz und damit sich selbst wieder spüren oder die Gefühle von Einsamkeit und Trennungsängsten betäubt sind.
5. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradig episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen einige Stunden und nur selten mehrere Tage andauern).
Die affektive Instabilität, d. h. die starken Stimmungsschwankungen werden als das psychopathologische Grundphänomen der Störung beschrieben. Aufgrund dieser Instablilität treten häufig Verhaltensweisen in den Vordergrund, die Probleme bieten. So rasten sie beispielsweise schnell aus, äussern schnell Schuldzuweisungen gegenüber anderen und neigen zu extremen Reaktionen, mit denen man nicht rechnet und auf die man nicht vorbereitet ist. Für Aussenstehende sind es meist völlig nichtige Anlässe, scheinbare Bagatellen, die zu extremen Verhaltensweisen führen. Borderliner nehmen häufig Dinge sehr persönlich. Sie sind sehr wechselhaft, sprunghaft und für jede Erschütterung sensibel. Das sogenannte "falsche Wort" reicht dabei schon aus und kann ihre Befindlichkeit verschlechtern. Nicht selten passiert es, dass Betroffene emotional abstürzen, denn ihre Stimmungsschwankungen können so extrem sein, dass sie vom Lachen in ein absolutes Tief stürzen und möglicherweise suizidal werden. Sie leben ihre Emotionen wie Wut und Aggression im Moment aus. Stimmungsschwankungen in Richtung Depression, Reizbarkeit oder Angst können beobachtet werden.
6. Das chronische Gefühl von Leere und Langeweile.
Borderline-Persönlichkeiten leiden oft unter einem chronischen Gefühl von Leere und Langeweile. Diese Emotionen werden meist sehr intensiv und oft verbunden mit körperlichen Empfindungen (z. B. Druck im Kopf, Spannungen in der Brust) erlebt. Die Suche nach Erleichterung von diesen belastenden Emotionen endet für die Betroffenen oft in impulsiven und selbstschädigenden Handlungen.
7. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
In enger Verbindung mit der affektiven Instabilität steht das Diagnosekriterium der unangemessenen und oft unkontrollierbaren Wut. Sie neigen zu Zornausbrüchen, die oft in ihrer Intensität nicht oder kaum kontrolliert werden können und zeitweilig auch zu körperlicher Gewalt führen. Diese Zornausbrüche stehen in keinem Verhältnis zu den auslösenden Ereignissen.
8. Vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
Auch vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste, paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome gehören zu den Diagnosekriterien der Borderline-Störung nach dem DSM-IV. Einige Psychologen schildern diese als schizophrenie-ähnliche Symptome mit Beziehungswahn-Erlebnissen. Das bedeutet, dass bei der Borderline-Störung auch halluzinatorische Phänomene, Störungen in der Körperwahrnehmung und psychotische Episoden vorkommen können. Diese treten meist als Folge emotionaler Erregung auf. Die Betroffenen erleben diese Episoden als ich-fremd. Ebenso können dissoziative Zustände auftreten, in denen die Betroffenen nicht mehr zwischen Wirklichkeit, Phantasien, kognitiven Bildern von früheren Erlebnissen und Ängsten unterscheiden können. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit der Abgrenzung von der Borderline-Störung zur Schizophrenie.
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